kurz & heilig:
„Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen“, wegen dieses Spruches könnte der Johannistag in die Mitte des Jahres geraten sein. Während die Tage am längsten sind und das Jahr wieder in die andere Richtung sich neigt, wird an Johannes den Täufer gedacht, der diesen Spruch über Jesus gesagt hat. So steht es im Johannesevangelium. Es geht aber um viel mehr als um den Jahreskreislauf: Haben wir doch in unseren Tagen einen Hitze-Höhepunkt erreicht, der schnell wieder abnehmen sollte. Schon im Juni, dem lauen und freundlichen Johanniswürmchen-Monat, werden wir erinnert, wie schnell sich unsere Erde auf die Kippunkte zubewegt. Und hinter denen lauert die Gefahr, dass das normale Zunehmen und Abnehmen der Wärme ausgehebelt wird und wir unseren Jahreskreislauf nicht wiedererkennen. Da steht Johannes an der richtigen Stelle: Er ist der Warner und Mahner, er erinnert unerbittlich an menschliches Fehlverhalten und wettert gegen die Ignoranz. Deutlich wettert er gegen die Haltung: „Mir kann doch nichts passieren!“ Und die Folgen von Unrecht, Heuchelei und Sich-Selbst-Belügen kündigt er gleich mit an. Er steht in der Reihe der ehrwürdigen Propheten, die nie ein Blatt vor den Mund genommen haben, vor den Herrschenden nicht und vor dem Volk nicht. Weder haben sie das Spielchen mitgemacht, dass „die da oben“ die Unbelehrbaren sind, die an allem Schuld sind, noch haben sie jemanden von seiner Verantwortung freigesprochen, weder „oben“ noch „unten“. Immer wieder in anderem Gewand, je nach den Zeitumständen, kommen die Warnungen daher, die nichts an ihrer Aktualität eingebüßt haben. Warum aber soll Johannes dann „abnehmen“, wenn er ungebrochen aktuell ist? Er will mit seiner Person verschwinden hinter seiner Botschaft. Er will nicht selber wichtig sein, gelten soll nur, was er sagt. Und er will auf Jesus hinweisen: Der soll wachsen. Jesus wird seine Botschaft weitertragen. So fängt Jesus an: Wie die Propheten vor ihm. Und Jesus geht viel weiter als alle Propheten vor ihm: Er ist der Befreier, so sagt schon sein Name. Er will Menschen dazu befreien, dass sie tatsächlich neu werden und neu leben können. Sie sollen nicht nur erschrecken über die Warnungen. Sie sollen nicht nur verstehen, worin sie versagt haben und wo sie Unrecht getan haben. Jesus will in ihnen, in ihrem Inneren, etwas Neues schaffen: Auch in mir will er das schaffen, dass ich mich aufrichte und auf die wieder kürzer werdenden Tage zugehe mit Vorfreude. Es wird ein Leben geben nicht nur nach der Hitzewelle oder nach der nächsten Flut oder einer anderen Katastrophe. Es wird ein Leben geben, in dem ich von Verbündeten umgeben bin und nicht von Gegnern. Es wird ein Leben geben, in dem die Demütigen und Bescheidenen Recht behalten, während die Hochmütigen ihre Macht verlieren. Es wird ein Leben geben, in dem Feinde solche Abkommen miteinander schließen, die niemandem mehr das Lebensrecht absprechen. Es wird ein Leben geben, in dem die Kinder fröhlich erwachsen werden können ohne Angst vor der Zukunft. Wie wird das möglich sein? Wir werden es sehen. Jesus muss zunehmen.
Eine gute Jahresmitte wünscht Ihnen
Martin Herzfeld.


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